“Man trinkt Tee, um den Lärm der Welt zu vergessen” – so beschreibt ein chinesischer Gelehrter den Genuss des traditionsreichen Getränks, das auch in unseren Breitengraden Körper und Geist belebt. “Tee ist nicht nur ein Getränk oder Durstlöscher, es ist ein Stück Kultur und eine Lebenseinstellung”, betont Cornelia Haller-Zingerling, Autorin des Buches “Die Welt des Tees” (Umschau).
“Der Ursprung des Tees liegt im alten China, dort wurde er schon vor einigen tausend Jahren als Heilmittel eingesetzt”, erläutert die Tee-Expertin. Einer Legende zufolge habe der chinesische Kaiser Chen Nung (“Sohn des Himmels”) den Tee vor 5000 Jahren zufällig entdeckt. “Der Kaiser soll sehr auf Hygiene bedacht gewesen sein und nur heißes Wasser getrunken haben”, erzählt die Autorin. Eines Tages seien ihm beim Ruhen unter einem wilden Teestrauch zwei Blätter in sein Trinkgefäß gefallen und der Teekult habe seinen Anfang genommen.
Heutzutage gebe es Tausende verschiedene Teesorten im Handel. “Sie alle gehen auf zwei Urformen der Teepflanze zurück, den Assamtee (camellia assamica) und den Chinatee (camellia sinensis)”, erläutert die Expertin. Über die “Farbe” des Tees entscheide der Grad der Fermentierung, ein Oxidationsprozess, der dem Tee die individuelle Geschmacksnote verleihe.
“Es gibt grünen, unfermentierten Tee, schwarzen, fermentierten Tee und den halbfermentierten Oolong Tee”, informiert die Expertin. Aus den Knospen des Teestrauchs entstehe der sogenannte weiße Tee. Streng genommen dürften nur die Aufgüsse aus den Teeblättern auch wirklich als Tee bezeichnet werden. “Aufgüsse aus Kräutern, Früchten oder Knospen werden in der Fachsprache als ´Infusionen´ bezeichnet”, erläutert Haller-Zingerling.
Über den Geschmack entschieden neben der Fermentierung der Teeblätter natürlich auch die Teesorte und das Anbaugebiet. “Man kann den Tee- mit dem Weinanbau vergleichen: Man schmeckt das Klima, den Boden und den Zeitpunkt der Ernte”, erklärt die Autorin. So schmeckten zum Beispiel Sorten, die in Indien angebaut würden, anders als dieselben Sorten aus Sri Lanka oder Indonesien.
“Indien, China und Sri Lanka zählen weltweit zu den größten Teeproduzenten und Konsumenten”, informiert Haller-Zingerling. Auch England gilt, was den Konsum betrifft, als Teenation schlechthin. “Hier ist Tee nicht nur Tradition, sondern Lebensart”, betont die Expertin. Im 17. Jahrhundert, zur Blütezeit der englischen Teegeschichte, soll es sogar spezielle Teertassen für Schnurrbartträger gegeben haben. “Heute trinkt ein Engländer durchschnittlich sechs Tassen am Tag”, sagt die Expertin.
Dabei gebe es strenge Regeln: Der Engländer trinke vornehmlich schwarzen Tee, je nach Sorte pur, mit etwas Milch oder auch mit einem Schuss Zitrone. “Wenn der Tee mit Milch konsumiert wird, kommt diese unbedingt vor dem gebrühten Tee in die Tasse”, erläutert die Autorin. Der Tee werde leicht mit etwas Kandis gesüßt.
Die tägliche Teetradition nach dem Vorbild der englischen Adeligen beginne mit dem Early Morning Tea, der etwa gegen sechs Uhr im Bett eingenommen wurde. Danach folgte der Breakfast Tea zum deftigen Frühstück mit Porridge, Eiern, Würstchen und Speck. “Danach kam ein leichter Lunch, auch hierzu wurde selbstverständlich Tee serviert”, erläutert die Expertin.
Sollte der Lunch ausfallen, komme zur Überbrückung zwischen Frühstück und spätem Abendessen der Afternoon Tea zum Einsatz. “Hierzu wurden neben Senfeiern und Cheddar-Käse zum Beispiel auch Sandwiches gereicht”, sagt Haller-Zingerling. Diese Mahlzeit gehe auf den englischen Earl Sandwich zurück, der beim Pokerspiel gerne eine Mahlzeit genossen habe, bei der er auf Messer und Gabel verzichten konnte.
Als Cream Tea werde eine englische Zwischenmahlzeit bezeichnet, bei der Scones mit Erdbeermarmelade und Clotted Cream serviert würden. Clotted Cream sei eine Art süßer dicker Rahm, der aus roher Kuhmilch hergestellt werde. “Beim High Tea, der ab 17.00 Uhr eingenommen wird, vereinen sich alle Komponenten, es gibt süße und salzige Scones, Marmelade, Clotted Cream, Pasteten, Salate, Sandwiches und kalte Braten”, erläutert die Autorin. Der High Tea werde in England in vielen Hotels für Touristen angeboten und ersetze das Abendessen. “Das ist ein tolles Erlebnis, bei dem man unbedingt einmal mitmachen sollte, wenn sich die Gelegenheit bietet”, schwärmt die Autorin.
Buchtipp: Cornelia Haller-Zingerling: “Die Welt des Tees”, Neuer Umschau Buchverlag, 2006, 19,90 Euro, ISBN: 978-3-8652-8277-4
(ddp)
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